Antimilitaristischer Stadtspaziergang durch Stuttgart Feuerbach

Der Friedenstreff Nord hat mit etwa 20 TeilnehmerInnen einen antimilitaristischen Stadtspaziergang durch Feuerbach veranstaltet. Krieg beginnt hier, direkt vor unserer Haustür – und das gilt es sichtbar zu machen! Daher dokumentieren wir hier einige der zahlreichen Stationen, die in Stuttgart Feuerbach an vergangene, aktuelle und kommende Kriege erinnern.


Pragsattelbunker // Heilbronner Str. 239

„Das große Karthago führte drei Kriege. Nach dem ersten noch mächtig. Nach dem zweiten noch bewohnbar. Nach dem dritten nicht mehr auffindbar.“ (Bert Brecht, 1951)

Der 12eckige Pragbunker dürfte eines der markantesten Bauwerke Feuerbachs sein. Im Volksmund hieß dieses 30 m hohe Gebäude wegen der früheren Leuchtanzeige der Firma Bosch auch „Boschturm“. Fertiggestellt wurde der Bunker 1942. Der Architekt war Paul Bonatz. Im Innern befinden sich zwei gegenüberliegende Wendeltreppen und ein stillgelegter Aufzug um die 8 Etagen zu erreichen. Der Bunker war für 2190 Menschen geplant . Im Krieg sollen in seinem Inneren bis zu 3000 Personen Schutz vor Bombenangriffen finden. Auf dem Dach des Bunkers waren zwei Flakgeschütze aufgestellt.
Zwischen August 1940 und April 1945 verloren in Stuttgart bei 53 alliierten Bombenangriffen 4562 Menschen ihr Leben, darunter 770 Ausländer – zumeist Zwangsarbeiter und Kriegsgefangene.
Angeblich soll der Bunker von US-Militärs Mitte der 50er Jahre auf dem Atombombentestgelände nördlich von Las Vegas in Nevada nachgebaut worden sein, um die Wirkung von Atomwaffen auf solcher Anlagen zu testen.
Die letzte Instandsetzung für „Zivilschutz“ für nunmehr 1200 Plätze erfolgte 1988.

„Karrierecenter“ der Bundeswehr // Heilbronner Str. 188
Hier findet das tägliche Werben fürs Sterben statt. Jungen Menschen wird dabei eine Karriere schmackhaft gemacht, bei der es angeblich hauptsächlich um Sport, Spaß, Abenteuer und Brunnen bauen geht – und ums töten. Aber das hängen die Werbeoffiziere ungern an die große Glocke.

Die Zahl der Bundeswehrsoldaten, die bei ihrem Dienstantritt noch minderjährig waren, hat sich seit 2011 mehr als verdoppelt. 2015 waren 1515 der insgesamt 21.092 Rekruten an ihrem ersten Tag bei der Bundeswehr noch nicht volljährig. 281 Minderjährige beendeten während der Probezeit ihren Militärdienst und weitere 203 nach Ablauf der Probezeit. Hinzukommen weitere 316 Bundeswehrangehörige, die ihren
Dienst als minderjährige begannen, nach Ablauf der Probezeit volljährig waren und dann den Dienst vorzeitig beendet oder einen entsprechenden Antrag gestellt haben.
Junge Menschen werden mit falschen Erwartungen geködert.

Daimler AG // Mercedes-Benz Bank

Die Mercedes-Benz Bank mit Firmensitz in Stuttgart gehört zu den führenden Autobanken in Deutschland. Sie ist ein Tochterunternehmen von Daimler Financial Services, dem weltweiten Finanzdienstleister des Daimler-Konzerns.
Die Daimler AG ist einer der größten deutschen Rüstungsproduzenten. Die Daimler AG ist weit mehr als ein herkömmlicher Pkw-Hersteller. Mit den Militärversionen seiner LKWs ist der Mercedes-Hersteller auch im Rüstungsbereich aktiv und exportiert in zahlreiche Länder. Seine Militärfahrzeuge verkauft Daimler unter anderem nach Ägypten, Algerien, Angola, Irak, Kuwait, Libyen, Marokko, Pakistan, Saudi-Arabien, Syrien, Tunesien, Türkei und die Vereinigten Arabischen Emirate.
Die Militär-Lkw und die Militär-Unimogs werden im Werk Wörth (in der Pfalz unweit von Karlsruhe) gefertigt. Daimler schreckt nicht davor zurück diktatorische Regime zu versorgen: Alleine im Jahr 2010 lieferte der Konzern 143 Militärfahrzeugteile an Ägypten, drei Militärlaster an Saudi Arabien und 58 Militär-LKW an Algerien.
Anfang 1944 wurde das Daimler-Benz-Motorenwerk Genshagen wegen Bombardierung in die Gipsstollen bei Obrigheim verlagert. Über 5000 Häftlingen schufteten in den Neckarlagern. Am 28.03.1945 wurde das Lager aufgelöst und die Häftlinge auf Todesmärsche Richtung Dachau, Buchenwald und Bergen-Belsen gebracht.
Daimler ist Mitglied im Freundeskreis Deutsches Heer und im Bundesverband der Deutschen Sicherheits- und Verteidigungsindustrie.

Deserteursdenkmal // Theaterhaus
Fahnenflucht oder Desertion bezeichnet das Fernbleiben eines Soldaten von militärischen Verpflichtungen in Kriegs- oder Friedenszeiten. Der fahnenflüchtige Soldat wird allgemein als „Deserteur“ bezeichnet.
An die Opfer der Kriege – Zivilisten und Soldaten – erinnern viele Denkmale. Doch an diejenigen, die sich dem Krieg entzogen haben bzw. sich heute entziehen, wird gewöhnlich im negativen Sinn gedacht – sie gelten meist als „Verräter“ oder „Feiglinge“. 50.000 Deserteure sind von der NS-Militärjustiz verfolgt, mehr als 20.000 Todesurteile sind vollstreckt worden; davon allein 37 am Justizgebäude in der Stuttgarter Urbanstraße. Erst 2002 sind Deserteure durch den Deutschen Bundestag rehabilitiert worden, wofür sich insbesondere der 85-jährige Ludwig Baumann, einer der letzten noch lebenden Wehrmacht-Deserteure, intensiv eingesetzt hat.

Das Ansinnen für ein Deserteursdenkmal ist im Rathaus bislang jedoch nicht auf große Gegenliebe gestoßen. Mit Verweis darauf, dass es in der Stadt bereits ein Denkmal für alle Kriegsopfer gebe, wurden Anfragen nach einem möglichen Standort ablehnend beschieden. Zumindest für einige Monate soll das Deserteur-Denkmal vor dem Theaterhaus auf dem Pragsattel aufgestellt werden – bis ein städtischer Platz für das insgesamt 2,80 Meter hohe Mahnmal aus Stein gefunden ist. Seit der Einweihung am 30.08.2007 steht das Denkmal nun beim Theaterhaus und wartet auf einen Standort in der Stadtmitte.